Hamburg und Thomas Mann

Thomas Mann und Hamburg - was hat das miteinander zu tun? Die Antwort mag manchen überraschen: Eine ganze Menge!

 

Jedenfalls waren sich der Dichter und die Stadt an der Elbe nicht fremd. Dies zeigen die Besuche Thomas Manns in Hamburg sowie sein Werk bis zum Erscheinen des Zauberbergs, denn immer wieder treten hier Bezüge zu Hamburg in Erscheinung.

 

So besuchte Thomas Mann Hamburg anlässlich von Lesungen oder Vorträgen insgesamt sechs Mal - und er schätzte die Stadt auf seine Weise: So schrieb er seinem Freund Ludwig Ewers am  29. Januar 1917:

 

"Hamburg ist ein Lübeck mit Welthorizont" *

 

Und Thomas Mann nahm bis in die 20er Jahre hinein in seinem literarischen Werk Bezug auf die "große Schwester", die Freie und Hansestadt Hamburg, die sogar einmal als Ersatz für seine "Vaterstadt" (so nannte Thomas Mann seinen Geburtsort) Lübeck dienen musste!

 

Über diese Aspekte soll im Folgenden berichtet werden.

 

*Archiv Hansestadt Lübeck (AHL), 5.5 Ewers, Nr. 5 (29. Januar 1917)

Thomas Mann in Hamburg 

 „…Im Alter atme ich noch einmal die Luft der Heimat, hanseatische Luft, – nicht gerade die Lübecks es muss ja nicht immer Lübeck sein, Hamburg tut es auch…“ Mit diesen Worten begrüßte Thomas Mann seine zahlreichen Zuhörer, die am 8. Juni 1953 auf Einladung des ASTA ins Audimax der Universität geströmt waren. Hier hielt Thomas Mann zunächst seine kurze „Ansprache vor Hamburger Studenten“. Anschließend folgte eine rund einstündige Lesung aus zwei Kapiteln seines zu diesem Zeitpunkt noch nicht ganz abgeschlossenen letzten Romans Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull. Dieser Auftritt war aber nicht Thomas Manns erster Besuch in Hamburg.

 

Während der Kaiserzeit

Dieser lag 1953 schon über 46 Jahre zurück: Am 2. Oktober 1906 konnte die Freie und Hansestadt Hamburg Thomas Mann erstmals begrüßen und zwar im Verein ehemaliger Schülerinnen der Dr. J. Löwenbergschen höheren Mädchenschule, der ihn zu einer Lesung eingeladen hatte. Die Kritik der Presse über den Vortrag des jungen Autoren fiel wohlwollend, aber differenziert aus: „Thomas Mann las gestern die Novellen Tonio Kröger, Der Weg zum Friedhof und Das Wunderkind mit Humor und liebenswürdiger Unbefangenheit – und las die Schwere Stunde erbärmlich: das aber mußte man erwarten und erhoffen. Denn es ist ein anderes, dichtend vor sich selbst enthüllen, ein anderes, den zarten, schamhaften Seelenprozeß der dichterischen Selbstenthüllung vor dem Publikum zu wiederholen“ (soweit die Neue Hamburger Zeitung am 3. Oktober 1906).

 

Im letzten Jahr des 1. Weltkriegs kehrte Thomas Mann dann das nächste Mal an die Elbe zurück und las am 11. Januar 1918 aus seinem damals erst halbfertigen Felix Krull sowie aus Königliche Hoheit, Schwere Stunde und Das Wunderkind. Resonanzen auf diese Lesung sind nicht überliefert.

 

Während der Weimarer Republik

Es folgten dann mehrere kurze Zwischenaufenthalte, bei denen die Stadt lediglich als Übernachtungsstation auf Reisen genutzt wurde, so z. B. auf dem Weg von Lübeck nach Sylt am 22. August 1921 (wo er in Hamburg nur „ein elendes Nachtquartier“ fand) oder auf der Rückfahrt nach München am 18. Mai 1923 sowie am 13. Mai 1924 im Transit von Southampton via Hamburg nach Berlin.

 

Es erstaunt ein wenig (oder macht gerade die Verbundenheit Thomas Manns mit der Stadt deutlich), dass er dann am 8. Juni 1926 bei seinem nächsten Auftritt in Hamburg ausgerechnet aus seinem umfangreichen Essay „Lübeck als geistige Lebensform“ vortrug…

 

Im gleichen Jahr schaute Thomas Mann sogar noch ein zweites Mal vorbei: Vom 21. bis 24. Oktober 1926 stieg er im Hotel Atlantic ab, auch um dort am 22. Oktober seine beiden ältesten Kinder, Klaus und Erika, sowie Erikas damaligen Ehemann, Gustav Gründgens, zu treffen.

 

Am Abend diesen Tages las er dann in den Kammerspielen aus dem Zauberberg, der zu diesem Zeitpunkt allerdings bereits zwei Jahre auf dem Markt war. Die Hamburger Anzeigen zitierten Thomas Mann vor diesem Hintergrund am 25. Oktober 1926 aus dieser Veranstaltung wie folgt: „Doch wie man ein Musikstück nicht nur zwei, sondern mehrmals und gern mehrmals höre, so könne man auch ein Prosastück wiederholt genießen…

Am 1. Dezember 1928 folgte dann der nächste und für über 25 Jahre letzte Besuch in Hamburg: Zunächst traf Mann sich noch mit einer größeren Gruppe von Mitgliedern des örtlichen Schriftstellerkreises, um dann auf Einladung der Hamburger Kunstgesellschaft in der Universität vor vollbesetzten Reihen aus seinem noch unveröffentlichten Roman Joseph und seine Brüder zu lesen. Die Presse zeigte sich begeistert: „Dreißig Jahre München konnten ihm nichts anhaben. Im Gehrock, die Augen mit ironisch blitzenden Gläsern bewaffnet, die Stirn durchfurcht von geistiger Werktätigkeit – saß er vor uns, kein Olympier, sondern ein strenger Sprachbildner, dem nichts geschenkt und der sich selbst nichts schenkt…Die Hörerschaft ging begeistert mit und bereitete dem Dichter reiche Ovationen“ (so der Hamburger Anzeiger vom 8. Dezember 1928).

 

Der Hamburg-Besuch 1953 

Der letzte Besuch Thomas Manns in Hamburg im Juni 1953 war sein mit Abstand aufwändigster und bedeutendster in der Stadt. Über diese Visite, die auch von den Medien stark beachtet und intensiv begleitet wurde, wird hier etwas eingehender berichtet. Eine umfassende Darstellung dieses Besuchs, seiner Hintergründe und Begleitumstände finden Sie in einem Artikel von Prof. Dr. Rainer Nicolaysen, den wir mit dessen freundlicher Genehmigung als PDF unten auf diesen Seiten eingestellt haben (aus: Zeitschrift des Vereins für Hamburgische Geschichte 101 (2015), S. 115 - 161). 

Während sich der Senat seiner Geburtsstadt Lübeck erst 1955 dazu durchringen konnte, Thomas Mann zwecks Verleihung der Ehrenbürgerwürde offiziell einzuladen, war Hamburg deutlich vorher auf dem Plan und schätzte sich glücklich, dass der Schriftsteller eine Einladung der Stadt für einen Besuch in der Zeit vom 7. bis 11. Juni 1953 angenommen hatte. Hierbei hatte sich vor allem der Direktor der Staatlichen Pressestelle Hamburg , Erich Lüth, hervorgetan, der mit Thomas Mann persönlich in Zürich über diese Angelegenheit gesprochen hatte und das Terrain sowohl bei ihm als auch in Hamburg erfolgreich vorbereiten konnte.

 

Am Nachmittag des 7. Juni traf der gerade 78 Jahre alt gewordene Thomas Mann mit einem Flugzeug auf dem Flughafen Hamburg-Fuhlsbüttel aus England kommend ein, wo ihm zuvor in Cambridge die Ehrendoktorwürde verliehen worden war. Begrüßt wurde er u.a. vom Rektor der Universität, Bruno Snell, und dem Hamburger Verleger Wegner sowie zahlreichen Journalisten, die ausführlich über seine Ankunft berichteten. Hamburg hatte sich für Thomas Mann richtig ins Zeug gelegt: Untergebracht wurde er nicht wie bei seinen vorherigen Besuchen im Hotel Atlantic bzw. im Hotel Vier Jahreszeiten, sondern im Gästehaus der Albert Toepfer-Stiftung, das auch von der Stadt als solches genutzt wurde. Der NWDR (dessen Intendant, Ernst Schnabel, hatte sich ebenfalls stark für einen Besuch Thomas Manns in Hamburg verwendet), stellte ihm auch einen Wagen mit Chauffeur zur Verfügung.

Am folgenden Tag hatte Thomas Mann den eingangs geschilderten Auftritt in der Universität Hamburg, wo er im überfüllten Hörsaal durch „ein ohrenbetäubendes, minutenlang anhaltendes Beifallgetrampel“ empfangen wurde (Hamburger Echo vom 9. Juni 1953).

 

Der 9. Juni begann dann mit einem ersten offiziellen Empfang beim Bürgermeister Max Brauer in dessen Amtshaus in der Palmaille 49, das gleichzeitig sein Wohnhaus war. Hieran nahm u. a. der damalige Hamburger Wirtschaftssenator und spätere Bundesfinanzminister, Karl Schiller, teil. Schon vorher hatte Thomas Mann Besuch einer vierköpfigen Delegation aus Lübeck (ausgerüstet mit Marzipan, Blumen und einer Flasche Rotspon) erhalten, was bei diesem Empfang immer noch Gesprächsgegenstand war: "Noch im Hause des Bürgermeisters sprach man von dieser Begegnung der Lübecker untereinander und es war keine Unfreundlichkeit, wenn ein sehr namhafter Gelehrter erklärte: Sie kamen wie die Heiligen Drei Könige, nur waren es ihrer nicht drei, sondern vier" (Lübecker Nachrichten vom 10.6.1953). Abends folgte dann der zweite Teil der Lesung aus dem noch immer unvollendetem Felix Krull. Dieses Mal fand sie auf Einladung der Goethe-Gesellschaft Hamburg in der mit 2.300 Menschen, unter ihnen auch der Bürgermeister, wiederum ausverkauften Hamburger Musikhalle statt. Thomas Mann war mit seinem Auftritt dort durchaus zufrieden: „…gut gelesen. Demonstrative Festlichkeit sondergleichen. Nicht endender Beifall des stehenden Massen-Publikums“ (Tagebucheintrag Thomas Mann). Am Abend kam man dann noch mit Hamburger Verlegern und Buchhändlern zum zweiten offiziellen Treffen dieses Tages im Hause von Christian Wegner zusammen (siehe obiges Foto).

 

Den folgenden Tag nutzte Thomas Mann zu einem Ausflug nach Travemünde und Lübeck, wo er erstmals nach dem 2. Weltkrieg u.a. das hinter seiner Fassade völlig zerstörte Buddenbrookhaus wiedersah. Auf einen "öffentlichen" Auftritt in Lübeck legte Thomas Mann zu diesem Zeitpunkt keinen Wert, denn er hatte Sorge vor Antipathien, die ihm dort möglicherweise begegnen würden und beließ es bei dieser Stippvisite. Hier spielte auch noch die Enttäuschung von Thomas Mann über die unterbliebene Einladung des Lübecker Senats zur Einweihung der wiederhergestellten Marienkirche, zu der er mit der Überlassung seiner deutschen Tantiemen für Doktor Faustus beigetragen hatte, eine Rolle.

Am Nachmittag des 10. Juni folgte Thomas Mann einer Einladung zum Tee beim vormaligen (und späteren) Hamburger Kultursenator, Hans-Harder Biermann-Ratjen, der ihn als junger Mann einmal in München besucht hatte und der ihm nun eine „Huldigungsrede“ (so Thomas Mann in seinem Tagebuch) hielt.

Der letzte Besuchstag, der 11. Juni, führte Thomas Mann zunächst zu einem Besuch einer Ausstellung von Plastiken Hamburger Künstler im Alsterpark und anschließend zu einem Mittagessen ins Hotel Vier Jahreszeiten. Schließlich reiste Thomas Mann um 17:00 Uhr mit seiner ihn begleitenden  Ehefrau, Katia, mit dem Schlafwagenzug vom Bahnhof Altona gen Zürich wieder ab – nicht aber ohne vorher noch der Tagesschau deren erstes Original-Ton-Interview überhaupt gegeben zu haben.

 

Thomas Manns sollte Hamburg nicht wieder besuchen; spätere Einladungen lehnte er - unter Hinweis auf seine Gesundheit - ab.

 

*Die beiden Hamburger Lesungen Thomas Manns wurden vom NWDR mitgeschnitten und sind im Handel als gekürzte Mitschnitte in Form einer CD-Hörbuch-Edition erhältlich. 

   

Verwendete Literatur:

  • Mann, Thomas: Tagebücher 1953-1955. Hg. von Inge Jens. Frankfurt/M. 1995
  • Eickhölter, Manfred / Dittmann, Britta: Allen zu gefallen – ist unmöglich. Thomas Mann und Lübeck, 1875-2000. Lübeck 2001
  • Heine, Gert / Schommer, Paul: Thomas Mann Chronik. Frankfurt/M. 2004
  • Nicolaysen, Rainer: Auf schmalem Grat – Thomas Manns Hamburg-Besuch im Juni 1953. In: Zeitschrift des Vereins für                                     Hamburgische Geschichte 101 (2015), S. 115-161